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Godesberg und die Gegenwart

Das Schulungszentrum der Lufthansa in Seeheim-Jungenheim

Mit dem Text „Godesberg und die Gegenwart“ erschien 1975 das erste theoretische Grundsatzpapier der Seeheimer. 

Die SPD hatte bei einer Reihe von Landtagswahlen in der ersten Jahreshälfte 1974 teilweise drastische Stimmverluste zu verzeichnen – in Hamburg waren es sogar mehr als 10 Prozentpunkte. Eine Studie hatte ergeben, dass der größte Schwachpunkt der SPD ihre Uneinigkeit sei. Hans-Jochen Vogel forderte bei einer Aussprache im Parteivorstand daraufhin, sich nicht länger um die Integration der neomarxistischen Linken zu bemühen: „Aber sind wir denn in erster Linie ein Sozialisationsgremium, um verrückt gewordene Großbürgersöhne […] Mann für Mann zu erziehen, oder sind wir eine politische Partei, für die die Erhaltung der Mehrheit und der politischen Macht zur Veränderung im Interesse der breiten Mehrheit des Volkes im Vordergrund steht. Ich entscheide mich da ganz klar dafür, daß Integrations- und Erziehungsversuche dann abgebrochen werden müssen, wenn es ans Mark dieser Partei geht.“ Die Linke forderte zu diesem Zeitpunkt von der SPD, sich von der Idee der Volkspartei zu verabschieden. Es galt daher für die Seeheimer das öffentliche Erscheinungsbild der SPD bis zum nächsten Bundesparteitag in Mannheim im November 1975 zu korrigieren. „Godesberg und die Gegenwart“ war ein maßgeblicher Schritt auf diesem Weg.

 
Lob von Brandt, Kritik von den Jusos
In der Schrift, die zu großen Teilen von den Politikwissenschaftlern Richard Löwenthal und Jürgen Maruhn verfasst wurde, wurden die grundsatzpolitischen Prämissen des Godesberger Programms verteidigt und die neomarxistischen Schlüsselbegriffe kritisiert. Außerdem widmete sich das Papier aktuellen Debatten über Umwelt und Wachstum, Humanisierung der Arbeitswelt und betriebliche Mitbestimmung. Dem Parteivorstand wurde „Godesberg und die Gegenwart“ als Beitrag zur Diskussion über den „Orientierungsrahmen ’85“ vorgelegt. Der Parteivorsitzende Willy Brandt lobte den Text als nützlichen Beitrag für die Diskussion innerhalb der SPD. Erwartungsgemäß wurde von Seiten der Jusos, die „Godesberg und die Gegenwart“ als eine Art „Abrechnung“ betrachteten, heftige Kritik an der Schrift laut.