Ihre Position: Geschichte : Die erste Spargelfahrt

Mit der "MS Beethoven" nach Unkel

Egon Franke auf dem SPD-Parteitag in Hannover 1960 (H.J. Darchinger/AdsD)

Auf die Pflege ihrer Gemeinsamkeiten legten die Kanaler großen Wert.
„Berühmt-berüchtigt“ waren die Kanalarbeiter auch für ihre personalpolitischen
Absprachen. Nicht nur einmal haben sie die Wahlen zum Fraktionsvorstand
nach ihren Vorstellungen gestaltet – möglich war dies durch
solide Mehrheiten: In der 3. Legislaturperiode von 1957 bis 1961 waren
mehr als zwei Drittel der SPD-Fraktion Kanaler. Egon Franke: „Wer was
werden will in der Fraktion, muß sich bei uns schon mal blicken lassen.“ Die
Publizistin Sybille Krause-Burger beschrieb das 1979 in einem Artikel so:
„Die Zusammengehörigkeit, die hier gepflegt und genossen wird, verwandelt
Egon Franke, wenn es sein muß, im Handumdrehen in ein machtvolles
politisches Instrument. Dann strömen die Kanalarbeiter in Massen in den
großen Saal (des Kessenicher Hofs) nebenan. Dann mag ihnen sogar der
Bundeskanzler die Ehre erweisen. Den Dank für die Herablassung holt er
sich später bei der Abstimmung im Plenum ab.“

Stromaufwärts mit Spargel und Wein
Das bedeutendste gesellschaftliche Kanaler-Ereignis ist die seit 1961 einmal jährlich stattfindende „Spargelfahrt“. Von der Bonner Gronau aus fuhr man damals mit der „MS Beethoven“ oder der „Filia Rheni“ stromaufwärts nach Unkel, um dort im Rheinhotel Schulz gemeinsam zu speisen und einen Wein namens „Unkeler Gefunkel“ zu trinken. 1980 recherchierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass die Mitgliederzahl des dortigen SPD-Ortsvereins nach der ersten Spargelfahrt sprunghaft von 67 auf 92 angestiegen war. Ab 1988 legte das Schiff allerdings nicht mehr in Unkel an, seitdem wurde der Bornheimer Spargel an Bord gegessen.

Unbedinge Loyalität zur Regierung
Die Ziele der Kanalarbeiter waren klar definiert: Unbedingte Loyalität
zur Regierung und Treue zum Godesberger Programm, das für den Wandel
der Partei zu einer gemeinwohlorientierten sozialreformerischen Volkspartei
stand. Entschieden traten sie gegen eine Re-Ideologisierung der Partei
ein, verurteilten die Tendenzen zu einer elitären Entwicklung und einer theoretischen Überfrachtung. Die Kanaler wollten eine SPD, die auf Bundesebene koalitions- und mehrheitsfähig war und die sich nicht von linken Minderheiten beherrschen lässt.

Abgrenzung nach Rechts  und Links
Die Kanalarbeiter grenzten sich entschieden ab – nach beiden Seiten. „Wenn
mich meine Jusos in Nordenham fragen, ob ich mich als demokratischer
Sozialist verstehe, antworte ich denen immer: Ich bin Sozialdemokrat“,
sagte der Kanaler Heinrich Müller. „Einem Sozialdemokraten
zu sagen, du stehst rechts, ist eine intellektuelle Schweinerei“,
ergänzte wiederum Egon Franke.